Click here for
english version.
Thesenpapier zum VI. Kongreß junge Kulturwissenschaft und Praxis,
Hanns Martin Schleyer-Stiftung, Essen, 21.-23.5.97, "Informationsgesellschaft
- Von der organisierten Geborgenheit zur unerwarteten Selbständigkeit?".
Das Referat wurde nicht gehalten (es paßte in kein Rahmenthema).
Arbeitslos durch Telearbeit? Chancen und Risiken der Telearbeit für
die Bundesrepublik Deutschland
1 Einleitung
Die Büros ihres Unternehmens sind dort, wo die Angestellten wohnen.
Schon heute arbeiten 40 Millionen Menschen daheim am Computer. Der Nachteil:
Sie können Ihre beruflichen Probleme nicht mehr im Büro lassen.
(Rosetto 1994)
Vor der industriellen Revolution war es für die meisten Menschen
selbstverständlich, daß Arbeitsplatz und Heim zusammenfielen
(vgl. Raithel 1994). Erst mit der Entstehung der Fabriken hat sich dies
geändert.
Durch Telearbeit wird die Wohnung mit Hilfe eines vernetzten PCs wieder
zum Arbeitsplatz. Schätzungen gehen von einem umwandelbaren Arbeitsplatz-Potential
von 20-40% aus (in den USA, vgl. Gertz). Auch wenn die Trennung von Arbeitsplatz
und Wohnung nicht als „normal" angesehen werden muß, besteht die
Gefahr, daß durch den Computer soziale Kontakte abnehmen, wenn in
Organisationen nur noch via Computer über E-Mail-Systeme (Glaß
1994) kommuniziert wird.
1.1 Telearbeit, Definition
Ein Telearbeiter (Fernpendler) wird eigentlich dadurch definiert, daß
seine Wohnanschrift und Firmenanschrift mindestens 600 Meilen (ca. 1.000
km) voneinander entfernt liegen. Telearbeiter können mit Hilfe von
globalen Datennetzen ihren Wohnort relativ frei wählen und haben trotzdem
die Möglichkeit, einen qualifizierten, sie befriedigenden Beruf ausüben
zu können. Diese Definition muß allerdings erweitert werden,
um auch diejenigen Arbeitnehmer zum Kreis der Telearbeiter zu zählen,
die zu Hause mit Hilfe neuer Informations- und Kommunikationstechnologie
in die Arbeitsorganisation ihres Unternehmens eingebunden sind und nur
ab und zu ihr Büro in der Firma aufsuchen.
1.2 Wichtige neue Informations- und Kommunikationstechnologien: bisherige
Entwicklung, derzeitiger Stand, absehbare Entwicklungen
Die Verbreitung von Personal-Computern (PC) in der Bundesrepublik Deutschland
liegt mit 19 PC (auf 100 Einwohner, Daten aus Info 2000: 1996) knapp über
dem westeuropäischen Durchschnitt (16). Erheblich weiter sind dagegen
die USA (39), Schweiz (33), Norwegen (30).
Die Wertschöpfung der neuen Technologie geschieht fast ausschließlich
in USA oder Japan (Intel Umsatzrendite 25%, Microsoft 20%). Damit ist Deutschland
Nachzügler bei der Entwicklung neuer Technologien und akzeptierter
Standards.
2 Telearbeit: Überblick
(1) Für Unternehmen verringern sich die Fixkosten, weil weniger Büroraum
benötigt wird. Gerade im Telefondienst ist es unerheblich, ob der
Mitarbeiter im teuren Büro in der Innenstadt sitzt oder (über
Rufumleitung) zu Hause arbeitet. Rationalisierungsmaßnahmen durch
die Auslagerung von Arbeiten (outsourcing) werden dabei ebenso unterstützt:
schließlich müssen es nicht mehr eigene Mitarbeiter sein, sondern
z.B. stundenweise eingesetzte Hilfskräfte, die ohne große logistische
Probleme über Datennetze rekrutiert und eingesetzt werden können.
Voraussetzung ist, daß ein Unternehmen exakt bestimmt, welche internen
Informationen nach außen dringen dürfen.
(2) Vorteile des Fernpendlertums: Weniger Verkehr und eine Entlastung
von Ballungsregionen, eine gleichmäßigere Verteilung von Arbeitsplätzen
in der Fläche, und wachsende Chancengleichheit der Arbeitnehmer aufgrund
des niedrigeren Zwangs zur Mobilität.
(3) Die Mitarbeiter genießen als Vorteile in erster Linie eine
bei weitem größere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Durch
flexiblere Arbeitszeiten steigt die individuelle Freiheit und es entsteht
ein Gefühl von mehr Selbständigkeit und Verantwortung. Allerdings
löst sich die Trennung von Büro- und Privatleben auf, was in
der Übergangsphase für die Betroffenen Umstellungsschwierigkeiten
erwarten läßt und auch Nachteile mit sich bringt, wie etwa
den Verlust des Büroarbeitsplatzes als Integrationsfaktor.
Michael Paul (1994: 90) berichtet über eine Befragung von Telecommutern
beim Staat Florida (USA): 72% der Befragten gaben an, daß sie weniger
für Transport aufwendeten, 18% gaben weniger für Kleidung und
36% weniger für Nahrungsmittel aus. Von ihren Vorgesetzten gaben 75%
an, daß die geleistete Arbeit von höherer Qualität ist
und alle meinten, daß mehr Arbeit als vorher geleistet würde.
87% der Telecommuter sagten, daß die Arbeitsmoral zunahm. Paul kommt
zu dem Schluß: „Workers like telecommuting" (ebd.).
3 Resüme
Telearbeit eröffnet den ersten wirklich globalen Arbeitsmarkt, mit
extremen Kostennachteilen für Länder mit hohen Löhnen. Außerdem:
Die „Halbwertzeiten" von Wissen und Fertigkeiten sind gerade im Hochtechnologiebereich
erschreckend kurz.
Deshalb wird sich für Deutschland durch Telearbeit sehr wahrscheinlich
kein Beschäftigungsgewinn einstellen. Fast 50% der inzwischen 4,7
Mio. Arbeitslosen haben keine Berufsausbildung, nahezu ein Drittel sind
länger als ein Jahr ohne Beschäftigung. Telearbeit hat aber zur
Voraussetzung, daß die Telearbeiter mit moderner Technik umgehen
können und vertraut sind. Überdies konkurriert die Bundesrepublik
bei Routine-Dienstleistungen (Bestellungen, Verwaltungsaufgaben, Buchhaltung)
mit Telearbeitern weltweit.
Zu empfehlen wäre daher, alle Anstrengungen auf den Bildungsbereich
und auf eine Liberalisierung des Telekommunikationssektors zu konzentrieren.
Was für die Industriegesellschaft der Preis für Erdöl
war, ist in der Informationsgesellschaft der Preis für Telekommunikation.
Und der ist in Deutschland verglichen mit den führenden Wettbewerbern
viel zu hoch.
Literatur:
-
Gertz, Winfried (1994): Hartnäckige Fragen nach dem Sinn einer flimmernden
Zukunft; in: Orgatec, Beilage zur SZ vom 19.10.94, S. V
-
Info 2000 (1996): Deutschlands Weg in die Informationsgesellschaft; Bericht
der Bundesregierung
-
Paul, Michael J.; Gochenouer, John E. (1994): Telecommunications, Isolation,
And The Erosion Of Privacy, in: IPCT, Vol. 2, No. 3
-
Rosetto, Louis (1994): Oh Techno-Wunder!, in: FOCUS 45/1994, S. 230
Letzte Änderung am Text: 16.10.97
This design is (c) 1997-99 by Kajetan Hinner. You have to email
and ask for my acceptance, if you want to use any information provided
here commercially.
Follow this Link to get to my homepage.